Digitalisierung der Medizin: So profitieren Ärzte und Patienten von neuen Technologien

Digitalisierung
der Medizin:
So profitieren
Ärzte und
Patienten
von neuen
Technologien

Die Digitalisierung der Medizin ist ein wichtiger Baustein des Gesundheitswesens. Doch die digitale Transformation ist umfassend und verändert die Branche auch in vielen anderen Bereichen. Erfahren Sie in unserer Themensammlung, wie auch Ihr Unternehmen von der Digitalisierung im Gesundheitswesen profitiert.

Elektronische Krankenakte, Gesundheits-Apps auf Rezept oder auch Video-Sprechstunden zwischen Ärzten und Patienten: Die Digitalisierung der Medizin hat in Deutschland in den vergangenen Monaten Fortschritte gemacht. Ursächlich hierfür waren zum einen politische Entscheidungen, vor allem aber hat die Corona-Pandemie als Katalysator gewirkt. Notgedrungen wurden praktisch über Nacht neue Konzepte implementiert, die vorher jahrelang theoretisch diskutiert aber selten und vor allem viel zu langsam praktisch umgesetzt wurden.

Dabei liegen die Vorteile der Digitalisierung auf der Hand: Eine verbesserte und ortsunabhängige Kommunikation, die Selbstüberwachung von Patienten mittels dafür vorgesehener Wearables und Apps oder auch personalisierte Medizin aufgrund neuer Diagnostik- und Behandlungsmöglichkeiten sind nur einige Beispiele. “Digitale Technologien können uns helfen, die Herausforderungen, vor denen fast alle Gesundheitssysteme der westlichen Welt stehen – immer mehr ältere und chronisch kranke Menschen sind zu behandeln, teure medizinische Innovationen zu bezahlen, strukturschwache ländliche Gebiete medizinisch zu versorgen – besser zu lösen”, erklärt das Bundesministerium für Gesundheit.

Deutschland hinkt bei Digitalisierung der Medizin hinterher

Allerdings hat die Digitalisierung der Medizin trotz der in letzter Zeit erzielten Fortschritte hierzulande noch einen langen Weg vor sich. Erst im vergangenen Jahr belegte Deutschland gemäß des Digital-Health-Indexes der Bertelsmann Stiftung im internationalen Vergleich mit 16 anderen Nationen den vorletzten Platz. Bewertet wurden 34 Indikatoren zu Strategie, technischer Readiness oder digitalem Reifegrad und tatsächlichem vernetzten Gesundheitsdatenaustausch. Nur Polen war schlechter. Estland, Kanada und Dänemark führten den Index an.

Laut einer Ende Mai veröffentlichten 3-Länder-Studie von Fresenius und des Instituts für Demoskopie Allensbach bestehen selbst bei einfachsten digitalen Angeboten im medizi­ni­schen Bereich – wie etwa der Online-Terminbuchung – nach wie vor große Unterschiede. Lediglich 15 Prozent der Bürger in Deutschland gaben demnach zu Protokoll, dass sie bei ihrem Hausarzt auch online einen Termin buchen können. Zum Vergleich: In den USA und Spanien waren es jeweils 55 Prozent.

Den Eindruck, dass Deutschland in Sachen Digitalisierung im Bereich der Medizin noch Boden gutzumachen hat, bestätigt eine gemeinsame  Umfrage des Digitalverbands Bitkom mit dem Ärzteverband Hartmannbund, die unter anderem das Angebot von Video-Sprechstunden untersucht. Dieses hat zwar während der Corona-Pandemie zugenommen, trotzdem verläuft die Kommunikation bei Ärzten auch heute noch hauptsächlich traditionell. Das Telefon ist dementsprechend nach wie vor der wichtigste Kommunikationskanal im Austausch mit Patienten (77 Prozent), Apotheken (61 Prozent) und Praxen (53 Prozent). Darüber hinaus hält jeder fünfte Arzt (19 Prozent) den Kontakt zu Arztpraxen überwiegend per Briefpost und 22 Prozent setzen vornehmlich auf das Fax. Nur jeder 20. Arzt kommuniziert überwiegend via E-Mail mit anderen Praxen (5 Prozent), Apotheken (6 Prozent) oder den Patienten (5 Prozent).

Digitaler Graben zwischen Kliniken und Praxen

Bitkom-Präsident Achim Berg mahnt in diesem Zusammenhang: “Wenn Akten und Befunde in Papierform abgeheftet werden, sind Doppeluntersuchungen, Sicherheitsdefizite und der Verlust von Informationen vorprogrammiert. Umso wichtiger ist es, dass auch im Gesundheitswesen durchgängig digitale Prozesse eingeführt werden“.

Interessant ist der digitale Graben, der laut der Bitkom und Hartmannbund-Untersuchung zwischen Kliniken und Praxen verläuft. Demnach sehen 86 Prozent der Klinik-Ärzte in der Digitalisierung primär Chancen für das Gesundheitswesen – 10 Prozent halten die Digitalisierung für ein Risiko. Bei den Praxis-Ärzten betonen lediglich 53 Prozent die Chancen – und 39 Prozent die Risikoperspektive.

Patienten wünschen mehr digitale Angebote und Tempo

Bei den Patienten hingegen ist die Stimmungslage eindeutig. In einer weiteren Bitkom-Studie, für die im Mai 2021 insgesamt 1.157 Personen in Deutschland ab 16 Jahren zu verschiedenen Themen aus dem Bereich Digital Health telefonisch befragt wurden, gaben fast acht von zehn Teilnehmern an, ihnen sei durch die Ereignisse der vergangenen 18 Monate die Bedeutung der Digitalisierung des Gesundheitswesens klar geworden. Zugleich sagten drei Viertel, mit digitalen Technologien ließen sich vergleichbare Krisen besser bewältigen. 71 Prozent forderten mehr Tempo beim Ausbau digitaler Angebote in der Medizin und 70 Prozent waren der Meinung, Deutschland hinge bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens zurück.

Dass diese Untersuchung keineswegs ein Einzelfall ist, zeigt eine aktuelle repräsentative Online-Befragung im Auftrag der Asklepios Kliniken.  Demnach sehnen 71 Prozent der Bundesbürger Rezepte herbei, die in Echtzeit an Apotheken übermittelt werden sowie elektronische Dokumente wie Impfpass, Mutterpass oder Organspendeausweis. Zudem steht die digitale Patientenakte ganz oben auf der Agenda (70 Prozent). Während 73 Prozent der Befragten den Digitalisierungsgrad der deutschen Krankenhäuser als „mittel“ bewerteten, waren zugleich 60 Prozent überzeugt, für eine optimale Versorgungsqualität solle er „hoch“ sein.

Vielversprechende Einsatzmöglichkeiten moderner Technologien

Wie Unternehmen die Digitalisierung der Medizin nutzen können, um Patienten besser zu versorgen und sich signifikante Wettbewerbsvorteile zu sichern, hat die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) untersucht. Den Forschungsergebnissen zufolge sind es insbesondere fünf Innovationen, die künftig das Gesundheitswesen prägen werden:

1. Künstliche Intelligenz (KI): Lernt von digitalen Gesundheitsdaten und kann mit hoher Treffsicherheit Muster erkennen. Bei der Diagnostik und Entscheidungsfindung kann diese Technologie wertvolle Dienste erweisen. 

2. Big Data: Bietet die Möglichkeit, das Risiko von Krankheiten früher zu erkennen und Behandlungen zu personalisieren. 

3. Telemedizin: Ermöglicht Monitoring, Diagnostik und Therapie über räumliche Distanzen hinweg und erleichtert so beispielsweise die Inanspruchnahme der Dienste renommierter Spezialisten sowie die medizinische Versorgung ländlicher Gebiete. Gerade für Kennenlerntermine, Check-ups und Nachsorgeuntersuchungen empfehlen sich solche digitalen Sprechstunden. 

4. E-Health: Ist ein Sammelbegriff für alle Anwendungen, die auf neue Informations- und Kommunikationstechnologien setzen, um die medizinische Versorgung sicher zu stellen. 

5. Robotik: Findet derzeit primär in Form von Assistenzsystemen Verwendung, wird künftig immer stärker in Operationssäle und in die Pflege integriert werden. Laut Bitkom gibt es zudem noch einen weiteren Trend:

6. 3D-Druck: Ist eine umfassende Bezeichnung für alle Fertigungsverfahren, bei denen Material Schicht für Schicht aufgetragen und so dreidimensionale Gegenstände erzeugt werden. Ein Großteil der Mediziner erwartet, dass Organe wie Speiseröhrenimplantate, Haut oder Knorpelscheiben künftig mithilfe eines 3D-Druckers entstehen. Mehr als die Hälfte rechnen  zudem damit, dass Tierversuche durch Versuche an 3D-gedruckten Zellstrukturen ersetzt werden.

Medizin 4.0 in anderen Ländern bereits Realität

Viele der hier aufgezeigten Entwicklungen mögen noch nach Science-Fiction klingen, doch ihr Durchbruch und flächendeckender Einsatz wird in den kommenden Jahren mit erstaunlichem Tempo voranschreiten. Nach dem Entstehen der modernen Medizin im 19. Jahrhundert, ihrer Technisierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts, der Einführung der IT und der zunehmenden Automatisierung einzelner Aufgaben in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts sind viele Länder inzwischen bereits den vierten Entwicklungsschritt hin zur sogenannten Medizin 4.0 gegangen. Sie haben die medizinische Versorgung mittels Informations- und Kommunikationstechnik erfolgreich verzahnt, so dass wichtige Informationen von Leistungsträgern untereinander abgerufen werden können. Zudem übernehmen vielerorts (teil-)autonome Systeme immer mehr Aufgaben im medizinischen Alltag.

E-Health braucht gute User Experience und hohe Sicherheit

Insbesondere im Bereich E-Health zeigen viele erfolgreiche Anwendungsfälle, was von der Prävention über die Diagnose bis hin zu Behandlung, Überwachung und Verwaltung bereits heute möglich ist. Die Digitalisierung der Medizin entlastet Patienten, spart Ärzten Zeit, die in Behandlungen investiert werden kann und bringt die medizinische Forschung durch die Analyse gesammelter Daten erheblich voran. Doch warum tut sich Deutschland so schwer?

Eine der größten Umsetzungshürden, mit denen das Gesundheitswesen hierzulande zu kämpfen hat, sind die noch immer zahlreichen Insellösungen, die eine sektorübergreifende Vernetzung erschweren. Zudem birgt die Digitalisierung Risiken, denn die Verwendung sensibler Daten macht Patienten zu potenziellen Opfern von Cyberkriminalität. Auch gibt es die Befürchtung, dass die persönliche Bindung zwischen Ärzten und ihren Patienten leiden könnte und vor allem alte Menschen dadurch vermehrt vereinsamen.

Um die Herausforderungen des sicheren elektronischen Austauschs von Patienteninformationen zu lösen, ist die Bundesregierung dabei, einen auf höchsten Sicherheitsstandards basierenden Rahmen zu schaffen: Die Telematikinfrastruktur. Darüber hinaus sind Akteure des Gesundheitswesens gefordert, bei der Wahl ihres IT-Dienstleisters darauf zu achten, dass diese sicher Anwendungen garantieren und Daten in zertifizierten Rechenzentren gelagert werden.

Hinsichtlich der Beziehung zwischen Ärzten und Patienten gilt es zu betonen, dass Apps und Wearables Besuche und persönliche Gespräche keinesfalls komplett ersetzen sollen – oder können. Sie dienen als Ergänzung, die eine bessere und umfassende Behandlung ermöglichen. Damit sie diese Aufgabe erfüllen können, müssen sie nicht nur Prozesse vereinfachen und beschleunigen, sondern darüber hinaus auch intuitiv zu bedienen sein. Letztlich ist es im Gesundheitswesen nicht anders als in allen anderen Lebensbereichen: um erfolgreich zu sein, muss ein digitales Produkt von den Nutzern angenommen und gerne genutzt werden. Entscheidend hierfür, das zeigen zahllose Studien, ist eine herausragende Nutzererfahrung.
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