“Browser Wars”: Sollten Apple und Mozilla endlich nachgeben?

Eine Einführung von Jacek Chmiel, Director of Avenga Labs

Mosaic und Netscape

Mosaic war der erste graphische Browser, den ich je gesehen habe. Der Hypertext mit fetter Schrift, Kursivschrift, verschiedenen Schriftarten und Absätzen war eine beeindruckende Verbesserung gegenüber Lynx und dem Text-Terminal – damit war man 1993 auf dem allerneuesten Stand.

Mit Netscape 1.0 bekamen die Seiten dann in Text eingebettete Bilder. Netscape 2.0 und 3.0 machten alles noch besser, schöner und schneller.

Zu dieser Zeit erschienen allmählich auch andere Browser. Alle großen Unternehmen (insbesondere AOL und Microsoft) versuchten damals, ihr eigenes „Internet“ zu schaffen und kämpften gegen eine globale Öffentlichkeit und das freie Internet an. Sie scheiterten kläglich.

Der Internet Explorer (auf Basis von Mosaic) wurde derart mangelhaft zu Windows hinzugefügt, dass es kaum als ernsthafter Versuch gelten kann. Doch man sieht, dass den Experten bereits damals klar war, dass Browser ein extrem wichtiges Stück Software werden und die Zukunft des Internets beeinflussen würden.

Internet Explorer (IE) macht Ernst

Microsoft brauchte vier Versionen, um einen echten Konkurrenten für Netscape zu schaffen. IE4 kam 1998 auf den Markt, war schneller und deutlich funktioneller als Netscape, und Netscape begann rasch Marktanteile zu verlieren.

Immer mehr Webseiten wurden für den IE optimiert; manches funktionierte sogar nur noch mit dem IE (um das Jahr 2000 herum). Der einfach Grund: Es war viel praktischer. Die Javascript- und Document Object Model (DOM)-APIs waren weitaus umfangreicher als die von Netscape, und der IE lief zudem stabiler.

Internet Explorer in Unternehmen

Zu dieser Zeit kam es zu Verschiebungen weg von Windows-Desktop-Anwendungen hin zu browserbasierten Anwendungen.
Der IE wurde fest in das dominierende Desktop-Betriebssystem eingebettet – Windows und immer mehr Geschäftsanwendungen setzten nun ausschließlich auf den IE. Doch die einzelnen Versionen des IE unterscheiden sich stark voneinander, sind teils gar inkompatibel, und es sind tonnenweise Hacks erforderlich, um komplexe Anwendungen ordnungsgemäß zu betreiben. Die langsamen JS-Engines sind zudem von Fehlern durchsetzt. Die totale Vorherrschaft des IE im öffentlichen Internet zu dieser Zeit machte Linux-Nutzer wahnsinnig – sie mussten oft sogar virtuelle Maschinen mit IE verwenden, um auf ihr Web-Konto oder ihre Unternehmensanwendungen zugreifen zu können.

Schließlich wurde Netscape als Firefox “wiedergeboren” – leichter, schneller und optisch ansprechender, für alle diejenigen, die das “Imperium des Bösen” (damals Microsoft) nicht unterstützen wollten. Die Nutzer und Entwickler sind bis heute eine sichtbare und loyale Gemeinschaft, die damals jedoch keine Gefahr für Browser-Riesen wie den Internet Explorer war.

Seit diesen frühen Tagen gibt es außerdem Opera mit einer kleinen, aber loyalen Community und hochproduktiven Funktionen wie Tabs und Tastaturkürzeln.

Chrome, die Supernova

Im Jahr 2008 kam Google Chrome als eine leichte, ultraschnelle Alternative auf den Markt. Er verbreitete sich wie eine Supernova, der Marktanteil stieg kometenhaften an. Es sprach sich schnell herum: „Hast du diesen neuen Browser ausprobiert?“ Chrome hatte anfangs zwar eine sehr begrenzte Funktionalität, aber er war extrem schnell und einfach zu bedienen – das war der Schlüssel. Endlich war der “IE-Killer” da.

Doch die Unternehmen kämpften und kämpfen weiterhin mit IE 8, 9, 10 und 11 sowie mit Kompatibilitäts-Hacks. Der IE wurde im Laufe der Zeit so tief in das Windows-Betriebssystem eingebettet, dass aufgrund der unterschiedlichen Anforderungen verschiedener Versionen des Browsers manchmal virtuelle Maschinen oder grafische Terminals die einzige Möglichkeit sind, Geschäftsanwendungen im Unternehmen zu nutzen.

Es ist zudem schwierig, verschiedene IE-Versionen auf derselben Maschine zu nutzen, da dies die Dinge noch komplizierter macht.
Die Nutzer wollten also eine Veränderung, sie wollten Chrome. Sie begannen damit, Chrome zu Hause und bei der Arbeit einzusetzen, mit Ausnahme von älteren Geschäftsanwendungen (die sie wegen oftmals schlechter User Experience schon lange nicht mehr gerne nutzen). Der Marktanteil des IE im öffentlichen Internet ist deshalb drastisch zurückgegangen.

Das Alte ist das Neue

Und wissen Sie was? Die Geschichte wiederholt sich erneut, diesmal mit Chrome als “König der Browser”. Immer mehr Websites werden für ihn optimiert und funktionieren einwandfrei mit Chrome – aber eben auch nur mit Chrome. Insbesondere gilt das für die Google-eigenen Dienste.

Chrome gilt als ressourcenintensiv, vor allem im Hinblick auf den Arbeitsspeicher, und ähnelt mittlerweile eher einer virtuellen Anwendungsplattform als dem leichtgewichtigen Browser, der er früher war.

Das müssen die Nutzer akzeptieren, denn es wird immer abenteuerlicher, einen anderen Browser für Bankgeschäfte, E-Commerce oder die Online-Bezahlung von Rechnungen zu verwenden.

Das ist das Jahr 2020 – es ist (wieder) geschehen, wir alle können es sehen und erleben. Sogar Apple-Nutzer, die für ihre Markentreue bekannt sind, verwenden Chrome auf ihren Macbooks öfter als Apples Standardbrowser Safari.

Opera tritt dem Club bei

Ich erinnere mich noch an den Tag, an dem Opera beschloss, die eigene Presto-Engine aufzugeben und auf die Chrome-Engine (heute Blink genannt) umzusteigen. Viele Opera-Fans fühlten sich durch diesen Schritt verraten, während Pragmatiker die Kompatibilität von Google Chrome begrüßten. Aber dieser Schritt hatte den Preis, dass viele Opera-eigene Features verloren gingen. Heute werden die beiden Browser als enge Verwandte angesehen.

Microsoft gibt auf

Microsoft hat es noch einmal gegen Chrome versucht, aber seinen alternativen Browser Edge mit nur geringem Erfolg eingeführt. Auch in diesem Fall erlaubten die Dominanz- und Kompatibilitätsprobleme von Chrome nur wenigen Nutzern den Wechsel von Chrome zu Edge. Viele Microsoft-Loyalisten mieden Googles Browser zudem immer noch wegen des Ansatzes zum Schutz der Privatsphäre und suchten nach einer Alternative ohne Google, die mit Microsoft Windows zusammenarbeitet und über eine gute Integration auf Systemebene, Passwortsynchronisierung usw. verfügt.

Doch die Entwicklung einer eigenen Web-Engine ist teuer, Webanwendungen sind komplex und die APIs entwickeln sich schnell weiter. Daher beschloss Microsoft, seine eigene Engine aufzugeben und schuf einen auf Blink basierenden Browser namens Edge Chromium.

Im Januar 2020 wird die erste Version des Edge-Browsers veröffentlicht, die auf der neuen Engine basiert.

Aus der Perspektive der Browser Wars ist das ein klarer Sieg für Google, dem Hauptakteur im technisch offenen Open-Source-Projekt Chromium, das von Google weitgehend dominiert wird.

Zwei “Edle Ritter” verbleiben

Es bleiben also nur noch zwei Kämpfer gegen die Chrome-Dominanz: Mozilla mit dem auf Privatsphäre fokussierten Firefox-Browser und Apple mit dem berühmten Safari-Browser. Werden diese auch auf Chrome- und Blink-Engines umsteigen? Das wird die Zeit zeigen.

Ich wette, dass Mozilla/Firefox, der finanziell viel schwächere der beiden, früher aufgeben wird als Apple/Safari. Apple konzentriert sich sehr auf die feste Verbindung der eigenen Soft- und Hardware; das Unternehmen verfügt über große finanzielle Mittel und wird weiter „kämpfen“.

Na und?

Vielleicht ist es für uns alle besser, wenn wir nur eine einzige Browser-Engine haben, die alles beherrscht. Weniger Tests, weniger Kompatibilitätsprobleme – und die Nutzer können frei ihren Lieblingsbrowser auf Basis der gemeinsamen Engine wählen. Ironischerweise könnten Datenschutzexperten dann sogar sagen, dass die Nutzer immer noch selbst entscheiden, wem sie alle ihre Browsing-Daten – sprich: ihr gesamtes digitales Leben – geben: Opera, Microsoft oder Google?

Vielleicht ist das aber auch eine schlechte Sache. Denn es verhindert Innovationen, wenn alles zu stark von einem einzigen großen Unternehmen kontrolliert wird. Ich halte das für ein weiteres und etwas trauriges Beispiel für die “Winner takes it all” Entwicklung, die sehr typisch für das Internet und die digitale Revolution ist.

Das sagen die Experten

  • Was halten Sie davon, dass Microsoft die eigene Browser-Engine aufgibt?
  • Sollten auch Mozilla und Apple aufgeben und sich mit Chrome anfreunden?
  • Was sind die Vor- und Nachteile eines neuen Monopols für Browser-Engines?

Roland Guelle, VP of Technology at Avenga
Auch wenn viele Webentwickler den Internet Explorer hassen, ist die Vielfalt im Web ein Pluspunkt. Ich bin wirklich beeindruckt von der Veränderung Microsofts (Proprietäre Software –> Open Source/ Verkaufsorientiert –> Technologieorientiert), aber eine Chrome-/Blink-basierte Monokultur im Web ist kein gutes Zeichen. Wer nicht (mehr) Firefox verwendet, sollte diesem Browser eine (zweite) Chance geben. Es ist der richtige Zeitpunkt dafür.

Felix Hassert, Director of Products at Avenga
Die Entwicklungsbemühungen in Open-Source-Communities führen oft zu einem sehr schmalen Grat zwischen Pluralismus und Redundanz. Während früher das W3C neue Standards vorschlug, die von den Browser-Herstellern nach und nach übernommen wurden, ist es heute andersherum. Schnelle Updatezyklen ermöglichen es den Herstellern, experimentelle Funktionen iterativ bei den Nutzern zu testen, was letztlich zu “lebenden Standards“ mit neuen, grundlegenden Spezifikationen führt. Diese Entwicklung hat viele durch die Fragmentierung verursachte Schmerzen bei der Webentwicklung verringert. Fällt ein weiterer (eigenartiger) Browser aus der Gleichung, wird das die Probleme weiter verringern.

Aber für die “Gesundheit des Web” ist es wichtig, dass dies nicht auf Kosten von Geschwindigkeit, Einfallsreichtum oder Innovationsfreiheit geschieht. Sollte Microsoft seine Bemühungen von der bloßen Implementierung einer Render-Engine auf die stärkere Beteiligung am Experimentier- und Standardisierungsprozess verlagern, könnte das die bislang dominierenden Kräfte hinter der Chromium-Entwicklung tatsächlich ausgleichen. Dennoch werden Firefox und Safari weiter ihren Platz behalten müssen, als die „Guten“, aber „Unattraktiven“ neben Chrome – dem “Bösen”, trotz all seiner prominenten Entwickler.

Kacper Ryniec, Head of Technology Avenga Poland
Vielfalt ist ein wesentlicher Aspekt unseres Lebens. Geschäftswelt und IT bilden hier keine Ausnahme. Deshalb macht mich die Tatsache, dass der Wettbewerb auf dem Markt für Webbrowser gerade wieder geschrumpft ist, nicht besonders glücklich.
Auf der anderen Seite habe ich, wie jeder, der schon einmal mit den Problemen des IE 6 oder 7 und Inkompatibilitäten mit W3C-Standards zu tun hatte, gelächelt und Erleichterung verspürt.

Doch ich meine es wirklich ernst und hoffe, dass Mozilla und Apple dem Schritt von Microsoft nicht folgen werden. Insbesondere angesichts der jüngsten Änderungen, die Google an der Web Request API vorgenommen hat und die von Werbeblocker-Add-ons stark genutzt werden. Nur noch eine einzige Browser-Engine zu nutzen, die von einem Unternehmen entwickelt wird, das sich in hohem Maße über bezahlte Werbung finanziert, könnte bedeuten, dass wir irgendwann nicht mehr den von uns gewünschten Content durchsuchen, sondern nur noch das, was Google uns vorsetzt.

Ich drücke deshalb die Daumen für Firefox und Safari – muss aber auch zugeben, dass ich Chrome für meine täglichen Aufgaben weiterhin nutze. Ich finde es einfach effizienter im Vergleich zu den drei beiden anderen.

Pavlo Navalnyi, Web UI expert at Avenga
Meistens ist es für die Verbraucher eine schlechte Sache, wenn ein Markt einen seiner Hauptakteure verliert, besonders wenn dieser Markt so riesig ist und so erhebliche Auswirkungen auf unser digitales Leben hat. Aber Microsoft hatte ohnehin große Mühe damit, seinen Browser auf die modernen Standards zu bringen. Also war es, glaube ich, für uns alle der richtige Schritt. Ich freue mich, dass Microsoft den Standardbrowser des populärsten Desktop-Betriebssystems der Welt viel leistungsfähiger, sicherer und weniger schmerzhaft in der Arbeit und Entwicklung macht.

Was Mozilla und Apple betrifft, so kommen sie mit ihren eigenen Engines gut zurecht, und ich kann mir nicht vorstellen, dass sie diese in nächster Zeit aufgeben werden. Obwohl das Chromium-Projekt (und hoffentlich auch die Privatsphäre der Nutzer) sehr profitieren könnte, wenn mehr Nicht-Google-Entwickler daran mitarbeiten würden. Dann könnten auf der Chromium Website vielleicht sogar Google-freie Alternativen genannt werden, statt dreimal nur auf Chrome zu verweisen.

Sprechen Sie uns an!
Wir freuen uns auf Ihre Nachricht. Bitte nutzen Sie das Kontaktformular, wir werden uns schnell bei Ihnen zurückmelden.
Zurück zur Übersicht