Bimodale IT beschleunigt Digitalisierung

Die Trennung von Front- und Backend ermöglicht eine erfolgreiche Digitalisierung und die agile Entwicklung ansprechender User Interfaces. Ein Gastbeitrag von Avenga CEO Jan Webering in der “Computerwoche”.

Der Ausbau der Digitalisierung genießt in IT-Abteilungen in der DACH-Region höchste Priorität. Durchschnittlich wird hierfür knapp ein Viertel des IT-Budgets investiert, in großen Organisationen ist es tendenziell sogar deutlich mehr. Das ist das Ergebnis der aktuellen „IT-Trends-Studie 2019“ der Unternehmensberatung Capgemini. Befragt wurden insgesamt 108 Entscheidungsträger, die mehrheitlich aus Unternehmen mit einem Umsatz von mehr als 500 Millionen Euro pro Jahr kamen und Auskunft über deren strategische IT-Aktivitäten geben konnten.

Eine weitere aufschlussreiche Erkenntnis der Befragung: Zwar divergieren die Schwerpunkte der Entscheider beim Ausbau der Digitalisierung enorm. Allerdings spielen Kostensenkungen und Effizienzerhöhungen – die bis 2016 jahrelang die wichtigsten Ziele der CIOs waren – inzwischen eine eher untergeordnete Rolle.

Ein weitaus wichtigeres Thema ist hingegen Geschwindigkeit. Mehr als ein Drittel der Befragten will die Agilität und Flexibilität erhöhen, ein Viertel die IT schneller bereitstellen und Release-Zyklen verkürzen. Als besonders wichtig wird zudem eine Anforderung eingestuft, die im Vorjahr noch nicht einmal abgefragt wurde: Demnach verlangen nahezu 30 Prozent aller Geschäftsleitungen von ihrer IT, sich künftig stärker an den Bedürfnissen der Kunden auszurichten.

Wachsende Ansprüche verlangen absolute Kundenzentrierung

Warum eine radikale Fokussierung auf den Kunden in der digitalen Welt inzwischen unerlässlich ist, liegt auf der Hand: Online-Dienstleister wie Netflix, PayPal und Amazon haben die Entwicklung grafischer Benutzeroberflächen in den letzten Jahren vorangetrieben und die Erwartungshaltung von Nutzern an digitale Angebote maßgeblich geprägt. Diese verlangen heute ansprechende Benutzeroberflächen, die intuitiv zu bedienen sind und möglichst ohne Verzögerung auf direktem Weg zum gewünschten Ziel führen. Aus diesem Grund gilt für Finanzdienstleister genauso wie für Energieversorger oder Versicherungsunternehmen: Entspricht die Onlinepräsenz oder ein digitaler Service nicht den Bedürfnissen von aktuellen und potenziellen Kunden, besteht die Gefahr, diese zu verlieren.

Doch obwohl IT-Ausgaben praktisch überall stabil bleiben oder sogar steigen, werden die Digitalisierungserfolge laut Capgemini im Durchschnitt schlechter eingestuft als im Vorjahr. Lediglich 36,4 Prozent der befragten CIOs waren ihrer Selbsteinschätzung nach erfolgreich oder sehr erfolgreich. Knapp 45 Prozent der Teilnehmer sehen sich im Mittelfeld. „Angesichts der großen Anstrengungen und hohen Budgets ist diese Bilanz ernüchternd“, konstatieren die Autoren der Untersuchung. Ihrer Auffassung zufolge haben die Verantwortlichen „offenbar nicht die richtigen Maßnahmen umgesetzt oder sie nicht konsequent genug verfolgt“. Allerdings räumen sie auch ein, dass ein Problem der Digitalisierung die Komplexität der IT-Landschaft sei.

Historisch gewachsene IT erschwert Digitalisierung

Vor besonderen Herausforderungen stehen diesbezüglich traditionelle Unternehmen mit einer über Jahrzehnte gewachsenen Legacy-IT, die Kunden mittels eines ansprechenden Frontends für sich gewinnen oder binden wollen. Denn damit beispielsweise ein Web Interface auf die Daten in den Kernsystemen zugreifen kann, muss es sich an die dort vorhandenen Strukturen und Vorgaben anpassen. Diese haben sich jedoch im Laufe der Zeit gemäß den betrieblichen Anforderungen und Bedürfnissen der Mitarbeiter entwickelt. Um einen reibungslosen Ablauf des täglichen Geschäfts sowie die Einhaltung von gesetzlichen Bestimmungen zu garantieren, sind sie zudem üblicherweise auf Stabilität sowie Sicherheit ausgerichtet. Aus diesem Grund spiegeln sie komplexe interne Prozesse sowie organisatorische Abhängigkeiten wider und sind in der Regel alles andere als kundenfreundlich.

Die komplizierten Verflechtungen im Backend bringen eine Reihe an Herausforderungen mit sich: So ist schon die einmalige Entwicklung einer neuen kundenfreundlichen Schnittstelle mit enormen Aufwänden verbunden, da sie zwangsläufig Eingriffe in die Altsysteme verlangt. Viel zu oft sind diese jedoch derart arbeits- und zeitintensiv, dass die entwickelten Lösungen bereits veraltet sind, noch bevor sie überhaupt auf den Markt kommen. Doch selbst wenn das Projekt ein Erfolg ist, bleibt Unternehmen kaum Zeit, sich auf diesem auszuruhen. Denn da sich die Ansprüche und Wünsche der Kunden aufgrund von sich stetig weiterentwickelnden Technologien – etwa neuen Endgeräten oder Browsern – unablässig verändern, müssen Frontends immer wieder auf eben diese angepasst werden.

Erfolgreiche Digitalisierung erfordert Kulturwandel

Als wäre die Legacy-IT nicht Herausforderung genug, sind in Organisationen mit konsolidierten IT-Landschaften im Normalfall Hierarchien mit starren Prozessen und langen Entscheidungswegen etabliert. Dies unterstreicht beispielsweise die Etventure-Studie „Digitale Transformation 2018“: 58 Prozent der 2.000 befragten Führungskräfte aus deutschen Unternehmen mit einem Mindestumsatz von jährlich 250 Millionen Euro nannten in der Befragung den Kampf gegen bestehende Strukturen als größtes Hindernis bei der Digitalisierung in ihrem Verantwortungsbereich – noch vor der fehlenden Erfahrung mit nutzerzentriertem Vorgehen (51 Prozent).

Exemplarisch für die beiden Probleme steht das vielerorts noch immer übliche Festhalten am sogenannten Wasserfall-Modell. Selbstverständlich hat dieses Konzept seine Daseinsberechtigung. Allerdings ist es auf langfristige Projekte mit fester Zielsetzung ausgelegt und kann aufgrund der Organisation in starr aufeinander folgende Phasen nur unzureichend auf aktuelle Trends oder Feedback von Anwendern reagieren. Geht es um die zeitnahe und flexible Entwicklung von Nutzer-Schnittstellen, ist diese Herangehensweise somit nicht länger zeitgemäß.

Agile Projektmanagement-Methoden hingegen zeichnen sich durch eine iterative und inkrementelle Vorgehensweise aus. Das gewünschte Endresultat wird durch schrittweise Annäherung mittels Trial-and-Error-Methode sowie durch begleitende Anwendertests erreicht. Dieses Vorgehen eignet sich somit ideal für Produkte, deren finale Eigenschaften und Leistungsmerkmale erst im Laufe des Projekts verbindlich definiert werden.

Bimodale IT ermöglicht agile Entwicklungsmethoden

Die technischen Voraussetzungen für die agile Entwicklung kundenfreundlicher User Interfaces bietet eine bimodale IT. Das vom Marktforschungsunternehmen Gartner entwickelte Konzept der „IT der zwei Geschwindigkeiten“ trennt klar zwischen den Aufgaben, die dem Front- respektive dem Backend zukommen. Letztgenanntes bleibt im klassischen IT-Planungs- und Arbeitsmodus und gewährleistet Sicherheit, Stabilität und Kontinuität. Das Frontend hingegen dient der Implementierung von Innovationen und muss sich schnell und unkompliziert an sich stetig verändernde Gegebenheiten anpassen.

Ermöglicht wird die Trennung der Systeme durch eine Middleware, die als eigenständige Entwicklungsebene und separate Kommunikationsschicht fungiert. Ihr kommt die Aufgabe zu, über passende Schnittstellen sämtliche benötigte Informationen und Funktionen aus dem Backend zu extrahieren und sie an die Benutzerschnittstelle zu übermitteln. Derart können die sicheren und in ihrem Verhalten vorhersagbaren Kernsysteme unangetastet bleiben, während im Frontend experimentelle und flexible Applikationen entstehen.

Iteratives Vorgehen hat positiven Einfluss auf Firmenkultur

Nachhaltig etablieren lassen sich die neue IT-Architektur und die agilen Arbeitsweisen, indem die Lösungen in gemischten Entwicklerteams realisiert werden, die sich aus Entwicklern des Kunden und des Dienstleisters zusammensetzen. Zunächst erfordert das transparente und iterative Vorgehen in traditionellen Unternehmen zwar ein grundlegendes Umdenken. Durch die Präsentation und Verprobung erster greifbarer Teilerfolge kann sich sich die allgemeine Akzeptanz allerdings schnell erhöhen lassen. Eine wichtige Rolle spielen hierbei erfahrungsgemäß motivierte Mitarbeiter, die stolz darauf sind, auf konkrete Fortschritte in ihren Projekten verweisen zu können.

Ein weiterer Pluspunkt ist, dass Fehlentwicklungen bei agilen Arbeitsweisen weitaus weniger zeitintensiv und kostspielig ausfallen als teure Change-Requests im Wasserfallmodell. Da das Endresultat zudem aufgrund regelmäßigen Feedbacks perfekt auf die Bedürfnisse der Anwender angepasst ist, kann mittelfristig selbst in traditionell nicht-agilen Umfeldern ein positives Klima der Fehlertoleranz gedeihen. Gepaart mit der richtigen Technologie ist es dieser Prozess des Kulturwandels, der Unternehmen dauerhaft dazu befähigen kann, Produkte und Services zu entwickeln, die die Wünsche und Bedürfnisse ihrer Kunden optimal adressieren. Mit überschaubaren Frontend-Projekten haben Unternehmen somit die Möglichkeit, den Grundstein für ihre digitale Erneuerung zu legen, ohne dabei befürchten zu müssen, dass sie aufgrund zu hoher Komplexität oder ausufernder Kosten scheitern könnten.

[Dieser Text von Avenga CEO Jan Webering erschien zuerst in der “Computerwoche”.]

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